Verschlossen frei

 

Seine graublauen Augen konnten sein trübsinniges Befinden nicht verbergen. Nur Samstagsvormittags ließ er ein freundliches Lächeln zu, das die sonst so traurigen Augen in einem hellen Blau schimmern ließen. Er betrat dann routinemäßig, aber nur an einem Samstag, das einzige fest verschlossene Zimmer des gesamten Hauses. In dem Abrisshaus, in dem der ältere Herr nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt verweilte, gab es nur diese eine akkurat eingerichtete Kammer. Ansonsten lebte er in den völlig verwahrlosten Räumlichkeiten seiner bizarren Unterkunft, die manchmal während seiner Abwesenheit von Fremden widerrechtlich heimgesucht wurde, ohne dass das dicke Vorhängeschloss des verschlossenen Zimmers von ihnen jemals erfolgreich geknackt worden wäre. 

 

Als frisch gewaschener, sauber gekleideter Herr in feinem Zwirn, verließt er nach einer gewissen Zeit das besagte Zimmer wieder und schlich sich dann schnell und unerkannt, aber erhobenen Hauptes aus dem Hintereingang des Hauses heraus. Er sah sich fortwährend die Tiere des alten Lippstädter Tiergartens an, die man vom Fußweg aus sehen konnte und genoss den darauf folgenden zwei stündigen Spaziergang, bevor er dann wieder in seine Behausung, und damit auch in sein völlig anderes Leben, zurückkehrte. So war sein Leben geprägt, ohne dass es irgendwelche Veränderungen geben musste. Die nächtlichen Wanderungen, in denen er die nachbarschaftlichen Müllcontainer nach Essensresten und brauchbaren Dingen durchstöberte, gehörten ebenso zu seinem Lebenslauf, wie das stundenlange Sitzen auf dem schmuddeligen Sofa der Wirtschaftswunderzeit. 

 

Es war wieder einmal der Beginn eines profanen Samstagmorgenspaziergangs, der sich in seinem Verlaufe aber zu einem sehr bedrohlichen entwickeln sollte. Die warme Morgensonne ließ die Bäume des Stadtwaldes in einem wunderschönen Mix aus grünen und brauen Blättern erleuchten, während die Enten im Flusswasser sichtlich Freude genossen. Sehr zu seinem Wohlergehen beitragend waren diese noch menschenleer wirkenden Wege, in der er sich immerzu sicher fühlte. An einer alten Kneipenruine angekommen, vernahm er jedoch schleichende, immer schneller werdende Schritte von hinten auf sich zukommen. Eigentlich nichts ungewöhnliches, allerdings wandelte sich seine Begeisterung in kürzester Zeit in ein mulmiges und sehr beängstigendes Gefühl.

 

 

Es sollte recht behalten, denn noch während er sich umdrehte, verspürte er schon einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf- und brach zusammen. Unsanft am Boden angekommen machte sich der Täter auf brutale Weise an die Innentaschen seines Trenchcoats zu schaffen. Der Blick in die linke Innentasche brachten seine Augen für eine sehr kurze Zeit zum Leuchten. Er hatte sich jedoch deutlich getäuscht, wenn er glaubte, dass er nun mit der Geldbörse hätte einfach so verschwinden können. Oh nein, er hatte die Rechnung ohne die ältere Dame gemacht, die den Vorfall rechtzeitig bemerkte und sich bereits aufgemacht hatte, um dem Opfer beizustehen, und den Missetäter wenig später, mit gezielten Fausthieben, erfolgreich und beutelos in die Flucht schlagen konnte. Kalter Schweiß bedeckte die Stirn des alten Mannes bevor er kurze Zeit später in Ohnmacht fiel. Er wachte aber auch schon wieder auf, nachdem die alte Dame die lebensrettende Sofortmaßnahme erfolgreich durchgeführt hatte.

 

Langsam öffneten sich seine Augen. Er sah tief in die freundlichen und warmherzigen Augen der alten Dame, während sie noch über ihn beugte. Bevor sie ihn jedoch ansprechenden konnte, schrie er sie empört an, sie solle sich doch gefälligst um ihre eigenen Probleme kümmern. Erschrocken und enttäuscht suchte die feine Dame, so flink wie sie gekommen war, das Weite. Wieder wohlauf, aber noch unter Schock stehend, machte er sich auch schon wieder auf den Weg zurück in seine Behausung. Stundenlang saß er dann wie gewöhnlich auf die Sitzflächen des durchgesessenen Sofas, ohne überhaupt nur eine Notiz an die Ereignisse des Tages zu verschwenden. Er ließ den Abend mit einem heißen Tee ausklingen, bevor er sich dann endlich dem Bett zu wandte.

 

Träume hatte er selten, zumindest erinnern konnte er sich am nächsten Tag meist nicht mehr daran. In dieser Nacht war es aber anders, da er sich dort in seinem Lebenswendepunkt wiederfand.Er war damals als sehr erfolgreicher Handelsreisender sehr häufig mit seinem geliebten Auto manchmal tagelang geschäftlich unterwegs. Einziger Wermutstropfen war, dass er seine heißgeliebte Ehefrau Paula zu Hause zurücklassen musste. An seinem Geburtstag verspürte er jedoch sehnlichst den Wunsch, dass sie ihn nach Münster begleiten solle, um nach getaner Arbeit den Tag in der historischen Altstadt gemeinsam zu verbringen. Schon kurz nach Beginn der Fahrt verlor er dann in einer Rechtskurve die Kontrolle über das Fahrzeug, das nun selbstständig und mit hoher Geschwindigkeit den Weg zum dicksten Baum der Straße suchte und mit ihm frontal zusammenprallte. Während er nur leichte Blessuren davontrug, verstarb sie noch an der Unfallstelle in seinen Armen mit ihren letzten Worten: Ich liebe dich, vergiss mich nicht. Das wollte und konnte er auch nicht, da sie die einzige Person war, der er richtig vertrauen konnte. Er hätte sich nie ein Leben ohne sie vorstellen können. Niemals.

 

 

Sollte sein glückliches Leben in diesen wenigen Sekunden etwa ein brutales Ende gefunden haben? Sie hatten doch noch so viele gemeinsame Pläne, die kurz vor der Verwirklichung standen. Der große Traum des eigenen kleinen Häuschens am grünen Stadtrand für das sie das halbe Leben lang gespart haben. --Alles ist aus! Nie vergessen konnte er die morgendlichen Samstage an denen sie ihre knapp bemessene Zeit gemeinsam erlebten, denn schon danach ging er grundsätzlich seine eigenen Wege, um einen seiner vielen Hobbys nachzugehen, die dann nicht selten auch den gesamten Sonntag in Beschlag nahmen. Wie sehr bereute er es fortan, dass er viel zu wenig mit seiner Frau unternahm und sie trotz der verspürten Liebe regelrecht vernachlässigte.

 

Manchmal weiß man Menschen erst richtig zu schätzen,

wenn sie nicht mehr da sind...

 

In den samstägigen Morgenstunden fühlte er sich seiner heimgegangenen Frau so nah, wie sonst nicht. Es war die Zeit in seinem Leben, die ihn die Zufriedenheit und den Frohsinn gab. Tränen kullerten über seine Wangen, wodurch er wach wurde. Trauer, aber auch das wunderschöne in ihm immer mehr aufkeimende Gefühl der Verbundenheit, breitete sich in in seinem versteinerten Herzen aus, um sich dort festzusetzen. Nachdem er sich dann auch noch Gedanken über sein vergangenes Leben machte, fing er ganz leise zu weinen an, weil er sich so viele Jahre so entmutigen ließ. Ihm wurde offenbar wieder bewusst, wie wertvoll und schön das Leben doch sein kann und dass jeder neue Tag auch als Geschenk gesehen werden kann. Dankbarkeit für die tapfere Helferin überfiel sein Gewissen. Kurze Zeit später schlief er aber wieder tief und fest ein.

 

Am Sonntagmorgen schlief er mal richtig lange aus. Es war bereits Mittag, als er sich in das verschlossene Zimmer begab, um sich seinen feinen Zwirn wieder anzuziehen, obwohl er diesen andernfalls nur am Samstag, während der frühen Morgenstunden, trug. Wenig später befand er sich auf den Weg in Richtung Tiergarten in der Hoffnung, der älteren Dame zu begegnen, die ihn so tapfer und liebevoll zur Seite gestanden hatte...

 

 

Tägliche Spaziergänge folgten immer in der gleichen Gegend, mit dem Augenmerk auf diese alte Frau gerichtet. Das Gefühl der Nähe überkam ihn, wenn er nur an sie dachte. Aber nirgends der Hauch einer Spur. Bevor er wieder in sein altes Verhaltensmuster zurückkehren konnte, weil er aufzugeben drohte, sah er sie dann doch einige Häuser weiter in ein Haus gehen, das nur wenige Meter neben seiner Behausung stand. Das Glück ist doch manchmal so nah, dachte er vor sich hin, und pfiff laut auf 2 Fingern, wie er es lange nicht tat. Die Frau sah sich kurz um, Reaktionen zeigte sie jedoch nicht. Ehe sie ins Haus verschwinden konnte, eilte er zu ihr, wie man es einem Mann seines fortgeschrittenen Alters nur selten zumuten könnte  und bedankte sich unter Tränen für deren Hilfe. Es folgten viele tiefgründige Gespräche, die die beiden einsamen Herzen in Windeseile miteinander verschweißten. Es schien, als habe das Schicksal zwei Menschen zu einander geführt, die sich auf Anhieb sehr gut verstanden und sogleich tiefe Verbundenheit verspürten. 

 

Das Abrisshaus wurde seitdem nicht mehr bewohnt und schon kurze Zeit später, dem Erdboden gleichgemacht. Durch die neu gewonnene Kraft und Zuneigung der freundlichen Dame fand er wieder zurück in ein bürgerliches Leben. Seine verstorbene Ehefrau hat er zwar niemals ganz vergessen können, aber seine neue Liebe hatte einen sicheren Platz, tief in seinem Herzen gefunden. Gelegentlich zeigte sich jedoch noch Trauer in seinen Augen, wenn er daran dachte, dass er so viele Jahre in diesem alten Haus verbracht hatte und dadurch so viel wertvolle Lebenszeit vergeudete,weil sein Herz viel zu fest verschlossen war. Menschliche Zuwendung, Liebe und Freude am Leben, hatte er in all den Jahren nicht mehr zulassen können, da die Angst erneut etwas zu verlieren, Macht über ihn hatte. Es ließ ihn aber nicht davon abbringen endlich wieder nach vorne zu schauen, denn wie sagt man so schön: 

 

Besser spät als nie....

 

 

 

 


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